HirnTumor-Forum

Autor Thema: Sammelklage gegen US-Konzern: Chemikalien als Auslöser von Hirntumoren?  (Gelesen 9160 mal)

Fahrradklingel

  • Gast
Liebe Leute,

schon seit einigen Monaten verfolge ich einen Prozess in den USA, dessen Ausgang auch für Hirntumorpatienten hierzulande hochinteressant sein wird, über den aber in deutschsprachigen Medien noch nichts berichtet wurde. Im folgenden fasse ich für euch den bisherigen Verlauf zusammen, (und denke im übrigen darüber nach, mal den einen oder anderen deutschsprachigen Wissenschaftsjournalisten aufmerksam zu machen, denn Nachrichtenwert hat die Sache allemal. Und man fühlt sich in einigen Details an Erin Brockovich erinnert).

Herzliche Grüße



Fahrradklingel


Bislang ist wenig über die Ursachen von Hirntumoren bekannt. Radioaktive Strahlung gilt als Risikofaktor; und bei manchen Hirntumoren gibt es eine genetische Veranlagung. Ob und inwieweit bestimmte Chemikalien oder eine Kombination von Chemikalien Hirntumoren auslösen können, konnte bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden. Im US-Bundesstaat Illinois ist in den letzten Jahren eine auffällige Häufung von Hirntumorfällen, v.a. Glioblastomen und Oligodendrogliomen aufgetreten. Alle Betroffenen haben entweder in Spring House bei dem Agrochemiekonzern Rohm&Haas gearbeitet oder in der kleinen Ortschaft Ringwood am McCullom Lake gelebt - einige Tür an Tür, bzw. auf demselben Büroflur. Im McCullom Lake haben Rohm & Haas sowie Modine, ein weiteres dort ansässiges Unternehmen, seit den 1980er Jahren Chemieabfälle versenkt. Zusätzlich wurden Chemieabfälle auf einer Deponie gelagert, von wo sie über ein seit 1973 bekanntes Leck ins Grundwasser und in die Luft übergehen konnten. Chemikalien, die in Verbindung mit den Tumorfällen gebracht werden sind u.a. Vinylchlorid und Trichlorethylen.
Genauer nachlesen könnt ihr das in einem ausgezeichneten Dossier der Lokalzeitung NorthwestHerald http://www.nwherald.com/articles/200...3733441911.txt und z.B. hier

http://www.phillymag.com/articles/fe...ohm_haas/page1


Soweit zu den Fakten. Was zur Zeit dort passiert, ist der übliche, tragische Streit zwischen einem Weltkonzern, der einen Ruf zu verlieren hat und den Betroffenen, die den Glauben an Zufälle verloren haben und wenigstens eine Entschädigung wollen für die Zeit die ihnen noch bleibt. Einen statistisch haltbaren Nachweis über eine eindeutige Verbindung zwischen den Tumorfällen und den Umweltsauereien der Firmen zu führen ist jedoch schwierig, da es um das jahrzehntelange Dumping einer Kombination von Chemikalien geht, deren exakte Mischung niemand genau kennt. Ausgeschlossen ist es aber nicht, dass der Nachweis gelingt - wären da nicht Firmenpolitik und Geschäftsinteressen mit im Spiel.
Rohm & Haas hat bisher zwei Gutachten in Auftrag gegeben. Sie zeigen keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Tumorfällen und den Firmen“aktivitäten“ auf. Allerdings mehren sich die Stimmen, die bei den beiden Gutachten feststellen, dass sie wissenschaftlich belastbaren Kriterien nicht standhalten. So seien nicht alle bekannten Tumorfälle einbezogen worden, die statistische Signifikanzprüfung sei unzureichend durchgeführt worden...Zudem .seien die Gutachter alles andere als unabhängig, sondern stünden mit Rohm & Haas in enger Verbindung .Wer hier recht hat, und wer Recht bekommt ist noch offen. Neue Gutachten sind in Arbeit, wie unabhängig sie sind, wird sich herausstellen. Eine Kanzlei für Umweltrecht hat sich des Falles angenommen und führt seit 2006 mehrere Prozesse gegen Rohm&Haas, Modine und weitere Unternehmen. Während das Verfahren anlief, meldeten sich immer mehr Betroffene, mittlerweile werden die Interessen von 22 Personen - von denen einige bereits verstorben sind - vertreten.
Bislang wurde immerhin (wenn auch als zynischer Trost)erstritten, dass die Angestellten der Firma regelmäßige kostenlose MRTs bekommen. Alles andere - die Verantwortlichkeit der Firmen Modine bzw. Rohm & Haas, die Schuldfrage, die Frage der Entschädigung ist bis auf weiteres ein Fall für das rege Gutachterwesen. Das Urteil für die Sammelklage wird im Februar erwartet, für die Individualklagen im Frühsommer.



_______________________________________
« Letzte Änderung: 19. Februar 2008, 18:08:38 von Fahrradklingel »

Ulrich

  • Gast
Re:Sammelklage gegen US-Konzern: Chemikalien als Auslöser von Hirntumoren?
« Antwort #1 am: 19. Februar 2008, 12:05:48 »
Beide angegebenen Links funktionieren (bei mir) nicht. Beim zweiten kommt eine Fehlermeldung, beim ersten Link bleibt die Seite einfach leer.

Stell' doch bitte den ganzen Text hier ein...

Fahrradklingel

  • Gast
Re:Sammelklage gegen US-Konzern: Chemikalien als Auslöser von Hirntumoren?
« Antwort #2 am: 19. Februar 2008, 18:09:06 »
Hier eine Zusammenfassung eines ausführlichen Artikels aus dem Philadelphia Magazine 11/2007

Mystery at Rohm & Haas
http://www.layserfreiwald.com/layser/in_the_news/headlines.html?mode=view&AID=98

In Form einer Reportage wird hier über das Schicksal mehrerer Angestellter der Firma Rohm&Haas, die inzwischen an Hirntumoren erkrankt sind, berichtet.


« Letzte Änderung: 13. August 2008, 14:10:59 von Fahrradklingel »

Fahrradklingel

  • Gast
Re:Sammelklage gegen US-Konzern: Chemikalien als Auslöser von Hirntumoren?
« Antwort #3 am: 19. Februar 2008, 18:11:55 »
Hier ist noch ein weiterer Artikel zum "Ringwood Cancer Case"

http://www.layserfreiwald.com/layser/in_the_news/headlines.html?mode=view&AID=102

In dem Artikel wird der Fall kurz zusammengefasst. Vorgestellt werden die
- Situation einiger erkrankter Anwohner (20 Personen eines 1000-Seelen-Dorfes sind an Glioblastomen und Oligodendrogliomen, sowie in einem Fall an Leberzirrhose erkrankt, einige Menschen sind bereits verstorben)
- der Rechtsrahmen (Informationen über die Kanzlei, die die Erkrankten in mehreren Sammelklagen gegen die beschuldigten Unternehmen, sowie in individuellen Klagen vertritt)
- die beschuldigten Unternehmen (Zum einen die Firma Morton International, die nun dem Chemiekonzern Rohm & Haas gehört; zum anderen das Kühlmittel- und Kältetechnikhersteller Modine)



« Letzte Änderung: 13. August 2008, 14:28:42 von Fahrradklingel »

Fahrradklingel

  • Gast
Liebe Leute,

ein kurzes Update zum "Ringwood Cancer Case", d.h. den Klagen gegen mehrere US-Firmen, denen vorgeworfen wird, durch die Lagerung von Chemieabfällen Gehirntumoren verursacht zu haben:

Oben habe ich ja den Rahmen des Prozesses gegen Rohm & Haas, die Firma Modine und die Firma Morton International geschildert. Nun haben sich einige Neuigkeiten ergeben:
Modine hat sich auf eine Art außergerichtlicher Einigung "tentative settlement" eingelassen, bei der den 22 individuellen Klägern eine ungenannte Summe Geld gezahlt werden soll. Weitere 2 Mio US-Dollar werden im Rahmen einer Sammelklage gegen Modine gezahlt, diese sollen u.a. dazu dienen, den Anwohnern die Kosten für Kernspintotomografien zu erstatten. Diese Einigung muss noch von einem Gericht anerkannt werden. In dem Prozess wurde Modine vorgeworfen das Grundwasser des McCullom Lake sowie die Luft mit der Chemikalie Trihlorethylen verseucht zu haben. Aus Trichlorethylen kann das krebserregende Vinylchlorid entstehen. Dass Vinylchlorid LEberkrebs verursachen kann,gilt als erwiesen; hinsichtlich Gehirntumoren und speziell Glioblastomen wird zwar von einem erhöhten Risiko ausgegangen, aber ein signifikanter Zusammenhang steht offenbar noch aus. (Näheres hierzu in einem Datenblatt der Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR), einer Behörde des U.S. Department of Health and Human Services
http://www.atsdr.cdc.gov/tfacts20.html )

Modine hat zugegen, zwischen 1968 und 1982 Müll auf einer Deponie gelagert zu haben, die eine Verbindung zum Grundwasser hatte, streitet aber jede Verantwortung für die Krebsfälle ab. Näheres hier in einem Artikel aus der Lokalzeitung "Modine settles cancer cases" http://www.nwherald.com/articles/2008/01/26/news/local/doc479a04c8c5046676050986.txt

Auch im Prozess gegen Rohm & Haas gibt es aktuelle Neuigkeiten; hier eine Zusammenfassung, ebenfalls aus dem "Northwest Herald":
http://www.nwherald.com/articles/2008/06/13/news/local/doc48522cd258dc7721173163.txt

Am 12. und 13. 6. sind  Gutachter der Anwaltskanzlei Layser & Freiwald sowie des Unternehmens Rohm & Haas, und die von Layser & Freiwald vertretenen Kläger (so weit sie noch am Leben sind...) als Zeugen vernommen worden. 18 der Zeugen haben Hirntumoren oder Tumoren des Nervensystems.
Auch Rohm&Haas wird vorgeworfen, durch die Lagerung von Chemikalien Vinylchlorid in Grundwasser und Atemluft freigesetzt zu haben. Die erkrankten Menschen haben teilweise Tür an Tür bei Rohm&Haas gearbeitet, waren Nachbarn, Verwandte oder Freunde.

“This is an extraordinary cluster of brain tumors in a very small community over a very small amount of time,” Freiwald said.

Nach dieser Vernehmung muss offenbar die Richterin entscheiden, in welcher Weise der Rechtsweg für die Sammelklage weiter beschritten wird, ein möglicher Schritt wäre die Zusammenstellung einer Jury, die dann eine Entscheidung treffen wird (dies bitte selbst nachlesen, da sich US-Recht meiner Kenntnis entzieht).
Darüber hinaus gibt es noch 12 individuelle Klagen gegen Rohm & Haas , für die es im Laufe des Jahres ebenfalls Hearing geben wird.


Ganz genau nachlesen kann man die Geschichte des Falls, sowie die einzelnen Anklageschriften auf einer Internetseite der Anwaltskanzlei Rohm & Haas
http://www.layserfreiwald.com/practice_areas/toxic_torts/ringwood_litigation_update.html


Viele Grüße

Franziska




« Letzte Änderung: 13. August 2008, 13:53:48 von Fahrradklingel »

Fahrradklingel

  • Gast
Liebe Leute,

mal wieder ein Update im Fall Modine: Wie im letzten Posting angekündigt, musste die Entscheidung über die außergerichtliche Einigung noch anerkannt werden. Das ist mittlerweile geschehen, wie der Northwest Herald im Artikel "Modine Cancer Settlement finalized" berichtet
http://www.nwherald.com/articles/2008/08/27/news/local/doc48b5d2bb62312502940560.txt
Modine zahlt demzufolge 2 Mio US$. 1.4 Mio sind für MRT-Aufnahmen veranschlagt, 100.000 für die Entschädigung von Immobilienbesitzern, deren Immobilien nun an Wert verloren haben, und die restlichen 500.000 sind Gerichtskosten. Den Menschen, die zwischen 1968 und 2002 für insgesamt 1 Jahr oder länger am McCullom Lake gewohnt haben, stehen je 1400 US$ pro Person zu, um MRT-Aufnahmen machen zu lassen. Das reicht also für 1000 Menschen. Was ist, wenn der 1001. keine Krankenversicherung hat und auch gerne wissen würde, ob er einen Hirntumor hat?
Es ist natürlich auf der einen Seite gut, dass es ein solches Verfahren gegeben hat (auch wenn von einer "Einigung" sicherlich nicht die Rede sein kann), zumal durch die weiteren MRT-Untersuchungen möglicherweise bekannt werden wird, ob es in der Region noch viel mehr Hirntumorpatienten gibt, als bisher bekannt geworden ist. Aber mit dem Geld ist letztlich ja niemand geholfen.

Was weiter läuft ist das Verfahren gegen Rohm & Haas

"The settlement leaves Rohm and Haas as the sole remaining defendant in the federal class-action lawsuit, and 23 individual lawsuits filed by Freiwald in Pennsylvania state court on behalf of residents with brain and nerve cancer and liver damage. Rohm and Haas attorney Ralph Wellington said that the company will continue to fight the lawsuits. [...]
Both Rohm and Haas and Freiwald are awaiting a ruling from Pratter (das ist die Richterin - FM) on whether the class-action lawsuits against Rohm and Haas can proceed to a civil trial. The certification hearing took place over three days in June."

Viele Grüße,
Franziska

 



SMF 2.0.19 | SMF © 2022, Simple Machines
Hirntumor Forum © 1996-2022 hirntumor.de
Impressum | Datenschutzerklärung