HirnTumor-Forum

Autor Thema: Krebs-Informationstag am 24.10.2020  (Gelesen 146 mal)

Offline KaSy

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Krebs-Informationstag am 24.10.2020
« am: 16. November 2020, 17:22:56 »
Krebs-Informationstag am 24.10.2020

Eine Veranstaltung von:
- lebensmut e.V., Leben mit Krebs
- Medizinische Klinik III, LMU Klinikum (Ludwig-Maximilians-Universität München)
- Bayerische Krebsgesellschaft e.V.

In Kooperation mit:
CCC München – Comprehensive Cancer Center München (Kooperation der Kliniken der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität sowie des Tumorzentrums München)

Gefördert von:
- Deutsche Rentenversicherung
- AOK
- Selbsthilfeförderung der Krankenkassen der ARGE

Mit Beteiligung der:
DHH e.V. - Deutsche Hirntumorhilfe e.V.

Dieser 18. Münchener Krebsinformationstag fand erstmals online statt. Da die DHH e.V. ihren halbjährlich stattfindenden Hirntumorinformationstag wegen der Corona-Pandemie nicht durchführen konnte, nutzte sie diesen Krebsinformationstag, um einige Tage zuvor eines der 15 Expertengespräche zum Thema „Hirntumor“ als Video aufzuzeichnen. Ich habe mir außerdem die Videos der Expertengespräche zu den Themen „Krebs und Ernährung“ und „Körperliche Aktivität und Krebs“ angesehen, angehört und für Euch aufgeschrieben.
KaSy



Expertengespräche:

Krebs und Ernährung

Prof. Dr. med. Marc E. Martignoni
Oberarzt der Chirurgischen Klinik, Klinikum rechts der Isar, TU München

Nicole Erickson, M. sc., RD (Master of Science, Registered Dietitian)
Ernährungswissenschaftlerin und Koordinatorin für onkologische Ernährungstherapie am CCC München / LMU München

Anne Blumers (Moderatorin)
Initiatorin von www.was-essen-bei-krebs.de


Körperliche Aktivität und Krebs

Anika Berling-Ernst
Dipl.-Sportwissenschaftlerin für Prävention und Rehabilitation, Lehrstuhl für Prävention, Rehabilitation und Sportmedizin, TU München

Dr. med. Bianca Spanier
Zentrum für Prävention und Sportmedizin, Klinikum rechts der Isar, TU München


Hirntumor - Aktuelle Möglichkeiten der Behandlung

Gliome - Diagnostik - Operation - Klassifizierung
Prof. Dr. Niklas Thon
Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik, LMU Klinikum München

Strahlentherapie - Tumortherapiefelder
Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi
Oberarzt der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, LMU Klinikum München

Zytostatika - Molekulares Tumorboard -Supportive Therapien
PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf
Oberärztin der Neurologischen Klinik, Klinikum rechts der Isar, TU München

Moderatorin - Übermittlerin der Patientenfragen
Melanie Staege (Moderatorin)
Vertreterin der Deutschen Hirntumorhilfe e. V. (DHH e.V.)
Wenn man schon im Müllkasten landet, sollte man schauen, ob er bunt angemalt ist.

Der Hirntumor hat einen geänderten und deswegen nicht weniger wertvollen Menschen aus uns gemacht!

Offline KaSy

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Antw:Krebs-Informationstag am 24.10.2020
« Antwort #1 am: 16. November 2020, 17:26:26 »
Krebs-Informationstag am 24.10.2020

Expertengespräch: Krebs und Ernährung

Prof. Dr. med. Marc E. Martignoni
Oberarzt der Chirurgischen Klinik, Klinikum rechts der Isar, TU München

Nicole Erickson, M. sc., RD (Master of Science, Registered Dietitian)
Ernährungswissenschaftlerin und Koordinatorin für onkologische Ernährungstherapie am CCC München / LMU München

Anne Blumers (Moderatorin)
Initiatorin von www.was-essen-bei-krebs.de


(Ich gebe das Gespräch inhaltlich wieder, wobei der Wechsel zu „Ich als Krebspatient“ vom Arzt gewählt wurde. KaSy)

Prof. Dr. med. Marc E. Martignoni sagte zunächst, dass Ärzte oft nicht diejenigen seien, die man um Ratschläge zur Ernährung bei Krebs bittet. Dabei wären es gerade sie, die wegen des optimalen Erfolgs ihrer Therapien besonders daran interessiert sein müssten. Das wurde jedoch lange vernachlässigt.

Bei vielen Krebspatienten kommt es bereits während der beginnenden Erkrankung zu einer Gewichtsabnahme. Die Krebstherapien (Operation, Bestrahlung, Chemotherapie) führen häufig zu weiteren Gewichtsverlusten, die nach Therapieende die Gesundung verlangsamen.
Als Krebspatient soll ich vor, während und nach den Therapien alles essen, was ich mag, was mir schmeckt und was ich vertrage.
Nur bei wenigen Krebsarten gibt es spezielle Empfehlungen, aber nur für eine recht kurze Zeit.

Wichtig ist für mich eine gesunde Ernährung, die der bekannten Ernährungspyramide entspricht:
wenig: Süßigkeiten, Alkohol
mäßig: Fett, Öl
3 Portionen pro Tag: Eiweiß (Milch, Käse, …)
3 bis 4 Portionen pro Woche: Fleisch, Wurst, Fisch, Eier, ...
3 bis 4 Portionen pro Tag: Kohlenhydrate (Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis, Getreideprodukte)
3 bis 4 Portionen pro Tag: Gemüse, Salat
2 bis 3 Portionen pro Tag: Obst
viel trinken (energiearme Getränke)

Ich sollte vielfältig essen und keine Lebensmittelgruppen weglassen.
Ich muss keine spezielle Ernährung durchhalten.
Wenn ich etwas nicht vertrage, sollte ich es weglassen und etwas anderes als Ausgleich finden.

Im Zusammenhang mit der Operation haben die Ärzte erkannt, dass man zuvor noch länger essen darf und auch noch zwei Stunden vor der OP klare Getränke zu sich nehmen kann. Nach der OP wird die (eventuelle  KaSy) Magensonde früher entfernt.
Die Ärzte sollten mit darauf achten, dass der Krebspatient maximal 5 Prozent an Gewicht verliert, das sind z.B. bei einem Körpergewicht von 80 kg nur 4 kg.

Warum?
Wird das Gewicht geringer, wird auch das Immunsystem schwächer.
Mit einem schwächeren Immunsystem werden die Krebstherapien weniger gut vertragen.
Dies kann sogar zur Notwendigkeit eines Abbruchs der Chemotherapie führen.

Ich darf also keine Mangelernährung zulassen.
Wenn ich z.B. Fleisch mag, dann esse ich es. Wenn ich es nicht mag, dann esse ich es nicht.

Während der Chemotherapie ist mein Eiweißbedarf meist erhöht, dann muss ich mehr Eiweiß essen und das darf auch tierisches Eiweiß sein.

Lassen Sie sich nicht verrückt machen von allen möglichen Hinweisen zur Ernährung bei Krebs!
Es gibt keine Krebsdiäten.
Jeder Mensch ist individuell. Jeder Tumor ist individuell.
Ernährung heilt den Krebs nicht.


Nicole Erickson, M. sc., RD bestätigte als qualifizierte Ernährungberaterin die Aussagen von Prof. Dr. med. Marc E. Martignoni.

Sie befasst sich damit, Krebspatienten vor, während und nach ihren Therapien in Bezug auf ihre Ernährung zu beraten. Auch sie geht davon aus, dass eine ausreichende Ernährung für den optimalen Therapieerfolg mit von Bedeutung ist. Wenn Krebspatienten Probleme damit haben, ihr Gewicht zu halten oder wieder zuzunehmen, dann bietet sie Hilfen an, die mit den Therapien vereinbar sind.

Wenn Krebspatienten Unterstützung für ihre Ernährung benötigen, dann sollten sie unbedingt darauf achten, dass die Ernährungsberatung durch eine qualifizierte Fachkraft erfolgt, die sich auch in der Onkologie auskennt. Sie wies darauf hin, dass die Bezeichnung „Ernährungsberater“ nicht gesetzlich geschützt ist. Man sollte also nicht irgendeinen Ernährungsberater aufsuchen, sondern einen Ernährungsmediziner, einen ärztlich geprüften Ernährungsberater oder einen registrierten Diätassistenten. Sie nannte auch die englische Bezeichnung „Nutritionist“.

(KaSy: Sie selbst hat ihre Ausbildung in den USA absolviert und sie mit dem Titel „Master of Science, Registered Dietitian“ abgeschlossen. Ein Master of Science ist ein Master-Abschluss auf einem Gebiet der Naturwissenschaften. RDs sind Lebensmittel- und Ernährungsexperten, die die Kriterien der Kommission für diätetische Registrierung (CDR) erfüllt haben, um den RD-Berechtigungsnachweis zu erhalten. Diese Qualifikationsnachweise wurden erforderlich, um sich von der nicht geschützten Berufsbezeichnung „ Ernährungsberater“ abzugrenzen. Für die Patienten sind diese Qualifikationsnachweise wichtig, um eine seriöse und medizinisch fundierte Ernährungsberatung zu erhalten, die gerade im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung von besonderer Bedeutung ist.  KaSy)

Nicole Erickson, M. sc., RD betonte die Notwendigkeit der ausreichenden Ernährung auch mit dem möglichen Muskelabbau im Verlauf der Therapien. Mit einer besseren Ernährung fällt es den Krebspatienten leichter, den Muskelabbau aufzuhalten. Eine moderate Bewegung mit dem Ziel des Muskelerhalts und des Muskelaufbaus gelingt mit einem guten Ernährungszustand besser. Wird zu wenig Nahrung aufgenommen, können Muskeln auch trotz aktiver Bewegung nur zu wenig aufgebaut werden.
Ernährung und Bewegung gehören zusammen und ermöglichen eine bessere Gesundung.
Wenn man schon im Müllkasten landet, sollte man schauen, ob er bunt angemalt ist.

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Offline KaSy

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Antw:Krebs-Informationstag am 24.10.2020
« Antwort #2 am: 16. November 2020, 17:36:30 »
Krebs-Informationstag am 24.10.2020

Expertengespräch: Körperliche Aktivität und Krebs

Dr. med. Bianca Spanier
Zentrum für Prävention und Sportmedizin, Klinikum rechts der Isar München, TU München

Anika Berling-Ernst
Dipl.-Sportwissenschaftlerin für Prävention und Rehabilitation, Lehrstuhl für Prävention, Rehabilitation und Sportmedizin, TU München


Dr. med. Bianca Spanier nannte als Gesprächsthema „Aktiv bei Krebs in Zeiten von Covid-19“ als eine aktuelle Thematik, die uns alle immer noch beschäftigt.

1. Warum ist es wichtig, bei Krebs aktiv zu sein?

Besser leben?

Patienten stellen sich die Frage, ob sie denn besser leben, wenn sie körperlich aktiv sind.
Dazu gibt es eine Metaanalyse, es wurden also mehr als 100 Studien mit über 10.000 Patienten aus den Jahren 1999 bis 2016 untersucht, bei denen es um die durch Krebs bedingte Fatigue (Müdigkeit) geht.
(Fatigue: signifikante Müdigkeit, erschöpfte Kraftreserven oder erhöhtes Ruhebedürfnis, disproportional zu allen kürzlich vorangegangenen Anstrengungen.  KaSy)
Sie ist bedingt durch die Krebserkrankung selbst, aber auch durch die Therapien und sie wird als besonders belastend und schwerwiegend empfunden.
In den Studien wurden der Einfluss von Medikamenten, von psychologischer Begleitung und von aktiver Bewegung untersucht. Es hat sich deutlich herausgestellt, dass Bewegung und Psychotherapie sowie die Kombination von beiden deutlich bessere Ergebnisse für die Lebensqualität erbrachten als die medikamentöse Therapie. Körperliche Aktivität hilft also dabei, die Therapien besser zu vertragen, sie hilft dabei, gut durch den Krankheitsverlauf zu kommen und trägt dazu bei, dass es nicht zu starkem Muskelabbau kommt und dass man seine Belastbarkeit nicht verliert. Bewegung verbessert die Lebensqualität und hilft sehr gut dabei, besser durch den Alltag zu kommen. Also hinter „Mit Bewegung besser leben?“ kann man schon mal ein „JA“ mit einem großen Ausrufezeichen schreiben.

Körperliche Aktivität hilft bei Therapie-Nebenwirkungen, verbessert die Lebensqualität und vermindert die Fatigue!

Länger leben?

Auch die Frage, ob man mit Bewegung länger leben wird, wurde mit Metaanalysen für verschiedene Krebsarten untersucht. Auch hierbei zeigten fast alle der 26 Studien mit fast 40.000 Patienten aus den Jahren 2004 bis 2016 eine verlängerte Lebenszeit.

Eine höhere körperliche Aktivität führt zu 37 % Reduktion der krebsspezifischen Sterblichkeit.

Man muss aber dazu sagen, dass es sich um reine Beobachtungsstudien handelte. Die hochwertigen Studien mit Doppelverblindung und Randomisierung sind in die Metaanalyse nicht eingegangen. Man müsste also vergleichende Studien über einen längeren Zeitraum mit Gruppen durchführen, die trainieren und die nicht trainieren und erst dann kann man sie auswerten und ausschließen, ob andere Faktoren wie das Körpergewicht z.B. einen Einfluss auf die Sterblichkeit haben. Solche Studien laufen derzeit, es gibt allerdings noch keine Ergebnisse. Man muss also noch warten, bis man den Beweis hat, aber schon jetzt gibt es starke Hinweise, dass man ein vorsichtiges JA hinter die Frage „Länger leben?“ setzen kann.

Warum wirkt die körperliche Aktivität?

Warum sind es durchaus sinnvolle Überlegungen, dass man mit Bewegung eine bessere Prognose hat? Dr. Spanier ging hier nur auf die Krebserkrankungen ein, bei denen der Stoffwechsel eine besondere Rolle zu spielen scheint, das sind Prostata- Brust- und Darmkrebs.
Man schaut sich die Körperzusammensetzung an, also wie viel Fettanteil und wie viel Muskelmasse der Körper hat.

Das Körperfett ist nicht einfach nur eine Fettmasse, sondern ein stoffwechselaktives Organ, das eine ganz wichtige Rolle dafür spielt, ob im Körper ein anti- oder proentzündliches Milieu herrscht. Wenn jemand jetzt nicht massiv übergewichtig ist, dann hält das Körperfett ein antientzündliches Milieu im Körper aufrecht, der Hormonkreislauf und die Regelkreisläufe laufen ganz normal ab. Wenn man aber stark übergewichtig ist, dann kann man sich das so vorstellen, dass die Fettzellen vollgestopft sind. Sie können dann ihrer normalen Funktion nicht mehr nachgehen. Das führt auf der einen Seite dazu, dass im Körper die ganze Zeit eine chronische Entzündung herrscht auf der anderen Seite, dass wir ein starkes Ungleichgewicht von Zucker und Fett im Körper haben. Und das wiederum führt dazu, dass Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck entstehen und es letztlich dann auch zu Verkalkungen der Herzkranzgefäße, Herzinfarkt, Schlaganfall und auch zu den oben genannten Krebserkrankungen kommen kann.
Eine chronische Entzündung führt zu Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen!

Die Muskelmasse als Gegenspieler des Körperfetts ist ein wichtiges stoffwechselaktives Organ. Das sieht man dem Körper gar nicht so an, denn es sieht immer schön aus, wenn er gut trainiert ist. Aber sie hat eine ganz wichtige Rolle im Stoffwechsel. Hier werden viele Botenstoffe ins Blut abgegeben, die eine zentrale Rolle dabei einnehmen, die Entzündung im Körper herunterzufahren. Durch Chemo- und Strahlentherapien kann es zum Muskelabbau kommen und dann wird der Muskel von überproportional viel Fett umgeben. Das Ganze kann man aufhalten, indem man sich richtig ernährt. Dazu braucht man viele Proteine, um den Muskel wieder aufzubauen. Aber man braucht auch den richtigen Reiz, nämlich Bewegung und Training. Durch dieses Training kann man diesen Prozess des Muskelabbaus aufhalten und im besten Fall wieder umkehren. Es kommt vor, dass durch den Muskelabbau Chemotherapien oder andere Krebstherapien nicht mehr so gut vertragen werden. Im schlimmsten Fall muss die Dosis reduziert oder die Therapie sogar abgebrochen werden und man kann sich vorstellen, dass sich das allein schon auf die Prognose der Überlebenszeit negativ auswirkt.

Muskelabbau → Chemotherapie-Toxizität steigt → Dosisreduktion → Prognose sinkt

In Bewegung bleiben während der Tumortherapie

Körperliche Aktivität bringt mehr Sauerstoff in den Körper, in das Gewebe, in die Muskeln, aber eben auch in den Bereich des Krebses. Sauerstoff ist ganz wichtig dafür, dass die Strahlentherapie überhaupt funktionieren kann.

Durch Krebs werden viele chaotische und auch undichte Blutgefäße gebaut, mit denen sich die Tumorzellen versorgen. Dadurch können die Chemotherapeutika nicht mehr gut in den Krebszellen ankommen und auch dort nicht mehr wirken. Die körperliche Aktivität hilft dabei, dass ordentliche Blutgefäße, also wieder „gute Straßen“, gebaut werden und die chemotherapeutischen Substanzen wieder bis zu den letzten Krebszellen überhaupt durchdringen können.

Außerdem verändert die körperliche Aktivität auch im Krebs den Stoffwechsel, damit der Krebs nicht mehr verstärkt Absiedlungen (Metastasen) in anderen Organen bildet.

Die Bewegung unterstützt auch das Immunsystem. Durch moderate körperliche Aktivität können wir unsere eigene körperliche Immunabwehr verbessern. Das spielt aktuell eine immer größere Rolle, weil wir z.B. auch Therapieansätze mit Antikörpern haben, die darauf abzielen, das körpereigene Immunsystem mehr dazu zu verwenden, gegen den Krebs vorzugehen.

Körperliche Aktivität greift den heilenden Krebstherapien unter die Arme.

2. Warum ist körperliche Aktivität JETZT - in Zeiten von Covid-19 - noch wichtiger?

Die körperliche Aktivität wirkt sich günstig auf das Herz-Kreislauf-System, die Muskeln, das Skelett, das Nervensystem und auch auf die Lungentätigkeit aus, die durch die Covid-19-Erkrankung besonders gefährdet ist. Durch aktive Bewegung kann man die Risikofaktoren Blutdruck, Blutzucker für einen schweren Verlauf von Covid-19 besser einstellen. Dadurch kann man zwar sein numerisches Alter nicht verändern, aber sein biologisches Alter, sodass man sich auch im hohen Alter jung fühlt.

Geeignet sind Ausdauertraining, z.B. Walken, Radfahren an der frischen Luft.
Krafttraining kann man auch zu Hause mit einer vollen Flasche oder an einem Stuhl durchführen.
Gleichgewichtsübungen und Gymnastik sind zu Hause möglich.
Besonders im Alter ist es wichtig, dass man offen für Neues bleibt und seine grauen Zellen oft beschäftigt, dafür gibt es auch körperliche Übungen, die das Gehirn trainieren.

Die AHA-Regeln „Abstand - Hygiene - Alltagsmaske“ sind beim körperlichen Training in Covid-19-Zeiten zu beachten.
Der Abstand zu anderen soll mindestens 1,5 m, besser 2 m betragen.
Zur Hygiene gehören das Händewaschen mit Seife bzw. die Händedesinfektion sowie das Niesen und Husten in die Armbeuge.
Die Alltagsmaske ist stets so zu tragen, dass sie auch die Nase bedeckt und sie muss regelmäßig gewechselt bzw. gewaschen werden.
Bewegung an der frischen Luft und häufiges Lüften sind für die Sauerstoffversorgung und die Atmung sowie für die Verringerung der Ansteckungsgefahr von besonderer Bedeutung.

Worauf muss ich als Krebspatient achten, um in Covid-19-Zeiten sicher zu trainieren?

Es ist nicht so, dass man, weil man eine Krebserkrankung hat, gleich zu den Patienten gehört, die das Risiko haben, einen schweren Verlauf bei einer Erkrankung an Covid-19 zu haben.

Man sollte aber sehr wohl vorher mit dem Arzt sprechen, ob man andere Risikofaktoren mitbringt. Das können ein höheres Alter, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein. Wenn man Immunsuppressiva nimmt, erhöhen diese die Infektanfälligkeit und man sollte eher nicht in der Gruppe trainieren. Vorsicht ist bei einer eingeschränkten Lungenfunktion geboten.

Wenn man sich krank fühlt, sollte man nicht trainieren. Das soll man sowieso nie tun, da der Herzmuskel zu sehr belastet wird und geschädigt werden kann!

Man sollte sich ausreichend und ausgewogen ernähren, viel, viel Gemüse vor allem und Obst!

Wenn man merkt, dass man immer schlapp ist, sollte man Mangelzustände (Eisen-Mangel, Vitamin D-Mangel) abklären lassen und es gegebenenfalls substituieren (KaSy: Ersetzen in der optimalen Dosis nach Absprache mit dem Arzt).

Nicht nur wegen der Covid-19-, sondern auch wegen der Krebserkrankung sollte man umgehend aufhören zu Rauchen!

Der behandelnde Arzt soll den Impfstatus prüfen. Man sollte mit ihm auch darüber sprechen ob bzw. wann im Verlauf der Krebstherapie man sich gegen Influenza und Pneumokokken, die auch für Krebspatienten eine besondere Relevanz haben, impfen lassen soll.

Man soll sich lieber draußen bewegen, denn draußen ist das Ansteckungsrisiko auf jeden Fall geringer. Ich weiß, jetzt kommt die kalte Jahreszeit und da ist es nicht mehr so verlockend. Aber wenn man drinnen trainiert, dann sollte man immer wieder mal ordentlich lüften und zwar gründlich. Der Trainingsfokus liegt jetzt ganz klar auf der Lunge, die soll ja fit sein. Und deswegen ist Atemtraining ganz besonders wichtig, gerade wenn man beispielsweise eine Operation hinter sich hat und im Bett liegen musste.

Halte Dich an die Corona-Trainingsregeln!

Wenn man diese Corona-Regeln beachtet, kann man auch trainieren und sollte auch mehr als sonst trainieren. Durch Corona ist man ja auch mehr in seinem Bewegungsradius eingeschränkt, so dass man immer mal wieder zwischendurch aufstehen sollte, um ein paar Übungen zu machen.


3. Wo finde ich geeignete Sport- und Bewegungsangebote?

Anika Berling-Ernst ist onkologische Übungsleiterin und bildet auch selbst onkologische Übungsleiterinnen aus.
Onkologische Sportgruppen gibt es erst seit den 1980er Jahren, weil man früher dachte, man möchte die Krebspatienten lieber schonen. Das war aber der falsche Weg.

Wo findet man als Krebspatient eine onkologische Sportgruppe:

Behinderten- und Versehrtensportverbände
Selbsthilfegruppen
Beratungsstellen
Krankenkassen
Rentenversicherung
Zentrum für Prävention, Rehabilitation und Sportmedizin
www.rehasport-in-deutschland.de - Hier hilft der Behindertenverband, eine Rehabilitationssportgruppe in Wohnortnähe zu finden, wenn man seine Postleitzahl eingibt. Man sollte aber darauf achten, dass es sich um eine rein onkologische Sportgruppe handelt. Denn dieser Rehabilitationssport ist für Sie kostenlos.

Der Arzt muss das richtige Formular ausfüllen:
Wenn es bei der Krankenkasse beantragt wird, ist es das Formular 56 „Antrag auf Kostenübernahme“ und es muss „Rehabilitationssport“ angekreuzt werden. Dann werden 50 Übungseinheiten bezahlt, die in 18 Monaten zu absolvieren sind.
Wenn es die Rentenversicherung zahlt, ist es das Formular G 850 „Verordnung von Rehabilitationssport“ und es werden 1 bis 2 Übungseinheiten pro Woche für die Zeit von 6 Monaten bezahlt.
Folgeverordnungen sind möglich, wenn die Indikation es erfordert. (KaSy: Statt Indikation ist vermutlich der Krankheitsverlauf innerhalb der 18 bzw. 6 Monate gemeint.)

In den Sportgruppen sind derzeit die genannten Corona-Regeln einzuhalten.
Außerdem gilt:
Desinfektion der Hände vor und nach dem Training
Masken sollen während des Rehatrainings getragen werden
Abstand von 2 m unbedingt einhalten!
Keine Kontaktübungen mit Partnern!
Eigene Matten und Material mitbringen
Umkleideräume und Duschen nicht benutzen!

Wann sollte man nicht trainieren?

Infektion, Bronchitis, Erkältung, Magen-Darm-Infekt
Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen
Fieber, Temperatur über 38°C
Laborwerte Hb < 8 g/dl, Thrombozyten < 20.000/Mikroliter, Leukozyten < 1500/Mikroliter
An Chemotherapietagen mit kardiotoxischen Substanzen (24-72 Stunden danach)
Knochenmetastasen mit Frakturgefährdung (Rücksprache mit dem Orthopäden)

4. Was kann ich jetzt schon für mich tun?

Ausdauersport
Kraft-und Funktionstraining
Koordinationsübungen
Entspannung
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Der Hirntumor hat einen geänderten und deswegen nicht weniger wertvollen Menschen aus uns gemacht!

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Antw:Krebs-Informationstag am 24.10.2020
« Antwort #3 am: 16. November 2020, 17:54:42 »
Krebs-Informationstag am 24.10.2020

Expertengespräch: Hirntumor - Aktuelle Möglichkeiten der Behandlung

Gliome - Diagnostik - Operation - Klassifizierung

Prof. Dr. Niklas Thon
Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik, LMU Klinikum München

Was sind Gliome?

Prof. Dr. Niklas Thon sprach als Neurochirurg über diffuse Gliome, die hirneigene Tumoren sind. Es sind Tumoren, die unterschiedlich schnell und ohne Grenze zum Hirngewebe wachsen. Das Ausmaß der operativen Entfernung eines solchen Tumors orientiert sich an dem Tumoranteil, der Kontrastmittel aufnimmt. Der Tumor ist aber tatsächlich viel weiter ausgedehnt, als man es im MRT (MRT = Magnetresonanztomograph  KaSy) sehen kann. Der Tumoranteil, den man im MRT sieht, ist vergleichbar mit einem Eisberg, von dem man nur den kleinen Anteil sieht, der aus dem Wasser herausragt. Das bedeutet, dass lokale Konzepte allein, also die Operation und die Bestrahlung, den Tumor nicht langfristig kontrollieren oder heilen können.

Diagnostik

Für die Gesamttherapie der Gliome ist es also von grundlegender Bedeutung, die richtige Diagnose zu stellen. Im MRT ist nur der Teil des Tumors zu sehen, der das Kontrastmittel aufgenommen hat. Es gibt nun weitere technische Möglichkeiten, die verschiedene Radiopharmaka nutzen, um bereits vor der Operation Genaueres über das Gliom zu erkennen, wobei nicht alle Methoden genutzt werden müssen.

Bei der Bildgebung mit dem PET (Positronen-Emissions-Tomograph  KaSy) wird eine bestimmte schwache radioaktive Substanz (Isotope von Stickstoff oder Fluor, meist die Aminosäure 5-ALA  KaSy) als Marker genutzt. Diese Substanz leuchtet in den PET-Bildern dort auf, wo sie vom Tumor aufgenommen wird. Sie zeigt an, wo er stoffwechselaktiv ist. Vergleicht man die PET-Bilder mit den MRT-Bildern, gibt es oft deutliche Unterschiede zu den Stellen, wo das MRT-Kontrastmittel aufgenommen wurde.

Mit dem Perfusions-MRT, dem Perfusions-SPECT oder der Perfusions-Szintigraphie kann die Durchblutung des Tumors gezeigt werden.
Das Diffusions-MRT zeigt den Verlauf großer Nervenfaserbündel.
Mit der Spektroskopie können metabolische Vorgänge dargestellt werden.

Wortbedeutungen (KaSy):
- Perfusion: Durchblutung
- SPECT: engl.: single photon emission computed tomograph = Einzelphotonen-Emissionscomputertomograph
- Szintigraphie: Bildgebendes Verfahren der nuklearmedizinischen Diagnostik
- Diffusions-MRT: Untersuchung der Diffusionsbewegung von Wassermolekülen im Gehirn, um auf den Verlauf der großen Nervenfaserbündel schließen zu können, die bei bestimmten Hirntumorarten  charakteristisch verändert sind
- Metabolische Vorgänge: Stoffwechsel
KaSy


Operation

Bei der Operation wird das Ziel einer maximalen und sicheren Tumorentfernung angestrebt. Das Operationsrisiko korreliert mit der Aggressivität der Resektion. (Je mehr entfernt wird, um so größer ist das Risiko.  KaSy) Etwa 2 % - 10 % der Operationen haben schwere Komplikationen zur Folge, z.B. Hemiparesen (Lähmungen  KaSy), Aphasien (Sprachstörungen  KaSy) u.a.
Mindestens müssen aber Zellen aus dem Gliom entnommen werden (Biopsie), um die Genetik des Tumors untersuchen zu können, da sie über die passende weitere Therapie entscheidet.

In weltweiten Studien wurde das Ausmaß der Resektion (operative Entfernung  KaSy) bei Gliomen festgestellt:
- Bei 20 % aller Gliome kann nur eine Biopsie erfolgen, sie ermöglicht die histologische Diagnose.
- Bei 40 % aller Gliome findet eine Teilresektion statt. Sie ermöglicht die histologische Diagnose, führt oft zu einer klinischen Verbesserung des Zustands des Patienten und ermöglicht die Festlegung der weiteren adjuvanten (unterstützenden  KaSy) Therapien.
- Bei 40 % aller Gliome findet eine Komplettresektion statt. Sie ermöglicht die histologische Diagnose, führt zu einer klinischen Verbesserung des Zustands des Patienten, ermöglicht die Festlegung der weiteren adjuvanten Therapien und verbessert die Prognose.

Zur Vorbereitung der möglichst maximalen Resektion können zusätzlich zum MRT mit Kontrastmittel folgende diagnostische Verfahren zum Einsatz kommen:
- Metabolische Bildgebung, z.B. PET
- Diffusions-MRT zur Darstellung der Nervenfaserbahnen
- Funktionelles MRT (Bildgebung z.B. zur Lokalisierung des Bewegungs- oder Sprachzentrums im Gehirn  KaSy)
- Transkranielle Magnetstimulation (Anregung des Tumorgebiets von außen, um festzustellen, wie der Patient reagiert, also z.B. ob er den rechten Daumen oder den linken Zeigefinger bewegt  KaSy)

Während der Operation sind die folgenden intraoperativen Verfahren möglich:
- Intraoperatives Monitoring (z.B. Wach-Kraniotomie)
- Neuronavigation
- 5-ALA (zur Stoffwechseldarstellung bei schnell wachsenden Tumoren))
- Intraoperative Bildgebung (Ultraschall, MRT, usw.)

Eine Biopsie wird dann durchgeführt, wenn eine Resektion des Tumors nicht möglich ist. Diese ermöglicht auch eine vollständige genetische Diagnostik durch die feingewebliche Untersuchung des Tumormaterials durch den Neuropathologen, um den Tumor zu klassifizieren.

Klassifizierung des Tumors

Die möglichst genaue Klassifizierung ist die Voraussetzung für die individuelle, der Tumorgenetik angepasste weitere Behandlung.

Im Jahr 2016 hat die WHO (engl: World Health Organization, Weltgesundheitsorganisation  KaSy) eine neue Charakterisierung der hirneigenen Tumoren festgelegt.
Obligat ist die IDH-Mutation.
- Wenn eine IDH-Mutation vorhanden ist (IDH-positiv, IDH-mutiert  KaSy), dann ist es ein langsam entstandener, stabiler Tumor.
- Wenn die IDH-Mutation nicht vorhanden ist (IDH-negativ, wildtyp  KaSy), dann ist es ein schnell wachsender Tumor, der mit einem Glioblastom vergleichbar ist.

Ab dem Jahr 2020 wird es weitere Neuerungen bei der WHO geben.
(cIMPACT-NOW update 2020)
Bereits jetzt gilt:
- Das IDH-wildtyp diffuse Astrozytom mit TERT Promotermutation, EFGR Genamplifikation oder +7/-10 Chromosomen-Abberation wird zum „Glioblastom, IDH-wildtyp, WHO-Grad IV“, obwohl es ein relativ ruhiges Zellbild hat, aber mit einer schlechten Prognose verbunden ist.
- Das IDH-mutierte Astrozytom kommt in den WHO-Graden II bis IV vor.
-  Das diffuse IDH-mutierte Astrozytom, bei dem die Deletion Homozygote CDKNZA/B vorliegt, wird zum WHO-Grad IV.

In den folgenden Jahren werden weitere genauere Klassifizierungen möglich sein, um die Therapien noch genauer an die Tumorgenetik anzupassen!

Die Tumorkonferenz / engl.: Tumorboard

An die Diagnostik, die Operation oder Biopsie und die Klassifizierung schließt sich das Tumorboard an, in dem die verschiedenen zuständigen Fachärzte für diesen einen Patienten und seinen Tumor beraten, welche weiteren Therapien in welcher Art und Weise erfolgen sollten, um einen optimalen Behandlungserfolg zu erzielen.


Patientenfrage / Melanie Staege:
Wie lange bleibt der Patient im Krankenhaus und wie läuft es für ihn dort?

Antwort von Prof. Dr. Niklas Thon:
Wenn bei einem Patienten ein hirneigener Tumor vermutet wird, besteht eine hohe Dringlichkeit für die Therapie, die so schnell wie möglich beginnen muss.
Er erhält (in München) innerhalb von 14 Tagen einen OP-Termin.
Er wird 6-8 Tage im Krankenhaus bleiben, davon 1 Tag vor der OP, 1 Tag OP, eine Nacht in der Intensivstation (ITS).
Bereits bei der Entlassung des Patienten liegen alle histologischen, genetischen Befunde vor, die für das Tumorboard zur Festlegung der folgenden Therapien erforderlich sind.
Falls keine Operation möglich ist, findet innerhalb einer Woche die Biopsie statt, die die für das Tumorboard erforderlichen Befunde ermöglicht.
Die Patienten dürfen nicht warten, weil die Entwicklung des Tumors rasch voranschreiten kann und weil sich das Warten und die Therapiesuche mit Dritt- und Viert-Meinungen negativ auf ihren psychischen Zustand auswirken können.
« Letzte Änderung: 16. November 2020, 18:14:24 von KaSy »
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« Antwort #4 am: 16. November 2020, 18:02:01 »
Krebs-Informationstag am 24.10.2020

Expertengespräch: Hirntumor - Aktuelle Möglichkeiten der Behandlung

Strahlentherapie - Tumortherapiefelder

Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi
Oberarzt der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, LMU Klinikum München

Strahlentherapie

(Bei dem Vortrag zur Strahlentherapie ergänze ich Erklärungen, ohne sie hervorzuheben.  KaSy)

Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi setzt den Vortrag an der Stelle fort, wo es um die Beratung in der Tumorkonferenz geht.
Nach der Operation oder Biopsie gibt es insgesamt sehr, sehr viele verschiedene Kombinationsmöglichkeiten für die weiteren Therapien, die von den molekularen Faktoren des Tumors bestimmt werden und von ihnen abhängig sind.
Als Radioonkologe spricht er über sein Fachgebiet, die Strahlentherapie.

Prinzip der Tumorbestrahlung
Bei der Bestrahlung wird die Bremsstrahlung der Röntgenstrahlen genutzt, die in Photonen umgewandelt werden. (Bei nahe der Oberfläche liegenden Tumoren können auch Elektronen genutzt werden, die eine geringere Tiefenwirkung haben.  KaSy) Im Gewebe werden sie zielgenau in der optimal hohen Strahlendosis so auf den Tumor ausgerichtet, dass sie die Tumorzellen während ihrer Teilung treffen.
In der Zellteilungsphase sind die Tumorzellen am empfindlichsten, da sich mit ihrem Zellkern auch der Doppelstrang der DNS (Desoxyribonukleinsäure, Träger der Erbinformation, also der Gene) teilt. Jeder einzelne Strang stellt eine „Kopie von sich selbst“ her. Dann ist die genetische Information mit allen Chromosomen wieder vollständig, der Zellkern teilt sich nun in zwei Teile, die Zellmembran „schiebt sich dazwischen“ und schließt die beiden neu entstandenen Tochter-Tumorzellen ein, die genetisch mit der „Mutter-Tumorzelle“ identisch sind.
Wenn die Strahlen in der Phase die Tumorzellen treffen, wenn sie gerade beim „Kopieren“ der DNS sind, stören sie diesen Vorgang und die „Kopie“ ist nicht mehr identisch. Beide Teilstränge passen nicht mehr zueinander und die Tochterzellen kommen nicht oder nur schwer geschädigt zustande. Zu einer weiteren Teilung sind sie dann nicht mehr oder kaum noch in der Lage.
Es wird ein Sicherheitssaum von etwa 2 cm um den Tumor herum bestrahlt, da sich dort nicht sichtbare Tumorzellen befinden, die in der Operation nicht gesehen werden konnten, jedoch Rezidive bilden können.

Linearbeschleuniger
Die „Maschine“, die am häufigsten verwendet wird, ist der Linearbeschleuniger. Heutzutage sind sie mit mehreren Möglichkeiten ausgestattet.

- Um die ungleichmäßige Form eines Tumors möglichst genau zu bestrahlen, gab es zunächst die 3D-Konformale Strahlentherapie, bei der nach der Berechnung des Strahlenfeldes die Tumorform mit verschiebbaren Lamellen aus Blei (Kollimatoren) recht genau eingegrenzt wurde.

- Die IMRT (Intensitätsmodulierte Radiotherapie) verwendet eine Weiterentwicklung der Kollimatoren, die so genannten Multi-Leaf-Kollimatoren. Diese befinden sich vor der Strahlenquelle und können während der Bestrahlung automatisch nach der vorherigen Berechnung hin- und herbewegt werden. Das ist auch bei einem rotierenden Gerät möglich.

- VMAT (Volumetric Modulated Arc Therapy) ist die Bezeichnung für die Volumen-modulierte Rotationsbestrahlung (auch RapidArc). Sie ist eine spezielle IMRT. Mit ihr werden unregelmäßig geformte maligne Tumoren in ihrer dreidimensionalen Form bestrahlt. Die Dosisverteilung wird an die einzelnen Tumoranteile genau angepasst, da z.B. im Inneren eine höhere Dosis erforderlich ist, als an den Rändern und im Sicherheitssaum. Während der Rotation des Beschleunigers um den Patienten wird die Dosisleistung, die Größe und Form des Bestrahlungsfeldes sowie die Rotationsgeschwindigkeit präzise angepasst.

- Die Computergestützte Planung findet durch die Medizin-Physiker anhand der MRT-Bilder und der „Simulations-CT“ statt. Die Ergebnisse werden in den Computer eingegeben, der den Beschleuniger während der Bestrahlung steuert.

- Die exakte Lagerung des Patienten während der Bestrahlung wird durch eine Maske garantiert, die während des „Simulations-CT“ angefertigt wird und mit der der Kopf des Patienten an der Bestrahlungsliege befestigt wird. (Früher wurden Metallrahmen an den Kopf geschraubt, so wie es während der OP zur sicheren Lagerung getan wird.)

- Fraktionierte Bestrahlung bedeutet, dass die hohe Strahlendosis in kleine Teile, die „Fraktionen“, aufgeteilt wird. An mehreren Tagen (bis zu 30 oder 40 Werktage) wird jeweils nur mit einem kleinen Teil der Dosis bestrahlt.
Das dient einerseits zur Schonung der gesunden Zellen, durch die die Strahlen hindurch strahlen. Diese bekommen ohnehin durch die Drehung des Beschleunigers und die Bestrahlung aus mehreren Richtungen viel weniger Strahlung ab. Sie sind in der Lage, sich selbst zu reparieren, falls sie überhaupt geschädigt wurden.
Andererseits teilen sich die Tumorzellen nicht immer genau während der wenigen Minuten der Bestrahlung. Mit einer oft wiederholten Bestrahlung erhöht sich die Möglichkeit, sehr viele, am besten alle Tumorzellen zu treffen, zu schädigen und möglichst abzutöten.

Tomotherapie
Das ist ein Beschleuniger, mit dem auch längere Zielvolumen bestrahlt werden können, indem der Patient während der Bestrahlung auf der Liege nach und nach durch einen Ring geschoben wird. Das betrifft z.B. das Medulloblastom, das mehrheitlich bei Kindern vorkommt und bei dem der gesamte Liquorraum (= Neuroachse = Kraniospinale Achse) bestrahlt werden muss.

Radiochirurgie mit Gammaknife und Cyberknife
Das sind Linearbeschleuniger, die für die Radiochirurgie entwickelt wurden, um Tumoren in bewegten Organen (z.B. Lunge) bestrahlen zu können. Tumoren mit einer Maximalgröße von 3 cm bis 3,5 cm können mit einer so hohen Genauigkeit und Strahlenintensität erreicht werden, dass die einmalige Therapie einer Operation nahekommt. Die Beschleuniger sind kompakter aufgebaut und dadurch leichter und werden mittels eines Roboterarms eines 6-Achsen-Industrieroboters während der Therapie ständig nachgeführt. Ein zusätzliches komplexes Ortungssystem ermöglicht es dem Patienten, ohne Fixierung auf dem Patiententisch zu liegen, der von einem zweiten Roboterarm getragen wird. Die Dauer einer Therapie beträgt 30 bis 120 Minuten. Bei einer langen Therapiedauer kann eine Pause eingelegt werden.


Alle Bestrahlungsgeräte liefern die gleiche Art hochenergetischer Röntgenstrahlung, die beim Abbremsen in Photonen oder Elektronen umgewandelt werden.
Nur beim Gammaknife werden auch radioaktive Isotope genutzt, die in Gammaquanten umgewandelt werden.


Patientenfrage / Melanie Staege:
Wie lange dauert die fraktionierte Bestrahlung und warum dauert sie mehrere Wochen?

Antwort von Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi:
Die gesamte Strahlendosis wird in Fraktionen von bis zu 2 Gy aufgeteilt. Die eigentliche Bestrahlung dauert 2 - 3 Minuten. Rechnet man die Vor- und Nachbereitung des Patienten hinzu, beträgt die Gesamtdauer etwa 10 Minuten.
Durch die Fraktionierung soll erreicht werden, dass möglichst wenige Nebenwirkungen (z.B. Ödeme) auftreten.
Mit den Linearbeschleunigern können auch hohe Strahlendosen verabreicht werden. Dann dauert eine Bestrahlungssitzung etwa 20 Minuten. So können etwa 10 Hirnmetastasen bestrahlt werden.

(Gy ist nach dem Radiobiologen Louis Harold Gray benannt. Es ist die Einheit für die Energiedosis, die durch ionisierende Strahlen verursacht wird und beschreibt die pro Masse absorbierte Energie. 1 Gy = 1 J/kg = 1 m²/s2 .  KaSy)


Tumortherapiefelder (TTF)

(Bei dem Vortrag zu den TTF setze ich Ergänzungen und Erklärungen in Klammern.  KaSy)

Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi sprach im Folgenden über Tumortherapiefelder (TTF).

Sie sind „auch eine Art von elektromagnetischer Strahlung“, weil sie ihr Ziel, den Zelluntergang des Tumors, mit intermediären Wechselfeldern erreichen sollen. (Die Wechselfelder haben eine sehr hohe Frequenz von 200 kHz (200.000 Schwingungen pro Sekunde) und damit eine winzige Wellenlänge, mit der auf die kurze Entfernung von der Kopfhaut bis zum Tumor eine gute Wirkung auf den Zelluntergang erreicht werden kann.)

Diese Wirkung beruht auf der Hypothese, dass die Tumorzellen durch die hochfrequenten Wechselfelder in ihrer Zellteilungsphase gestört werden. (Mit dem Polaritätswechsel (plus/minus) entsteht ein mit gleich hoher Frequenz wechselndes Magnetfeld, sodass man von einem elektromagnetischen Wechselfeld sprechen kann.) Dieses breitet sich intermediär (durch das Medium Gehirn bis zum Tumor) aus und soll dort die Teilung der Krebszellen unterbrechen und so zu ihrem Zelltod führen.
Das soll auf die gleiche Weise geschehen, wie es auch durch die zielgerichtete Bestrahlung geschieht (siehe „Prinzip der Tumorbestrahlung“).
Die gesunden Hirnzellen sollen durch diese Wechselfelder nicht gestört werden.

Über den Nutzen der Tumortherapiefelder gibt es bisher etwa eine Studie. Wenn sie zusätzlich zur Erhaltungs-Chemotherapie mit Temozolomid (TMZ) angewendet werden, „bringen sie wohl einen Vorteil“. „Die Rationale scheint zu funktionieren.“

Für die praktische Anwendung ist es notwendig, dass der Kontakt der Keramikelektroden durch ihr direktes Aufkleben auf die Kopfhaut gewährleistet ist. (Das kann der Patient meist nicht allein.) Dazu ist das tägliche Rasieren des Kopfes erforderlich.
(Es muss einen Zugang zu einer Steckdose geben, um die Akkus, die die Wechselfelder erzeugen, täglich aufzuladen. Die so genannte Haube soll täglich mindestens 18 Stunden getragen werden. Um das zu ermöglichen, gibt es für die Akkus einen Rucksack oder eine Umhängetasche. Die Gesamtdauer der Anwendung soll 18 Monate betragen. Eine Kopfbedeckung oder eine Perücke kann man über der Haube tragen, wenn die Wärmeentwicklung nicht zu hoch ist. Als organische Nebenwirkungen beschreibt die Firma Reizungen der Kopfhaut.)
Die Anwendung der TTF in der Öffentlichkeit kann zu einer „Stigmatisierung“ führen.
„Mit einer guten Aufklärung werden sie akzeptiert“ und können zur „4. Säule der Therapie“ der Glioblastome werden.

„Die gleichzeitige Anwendung von TTF und TMZ verlängert signifikant das mediane Gesamtüberleben um 4,9 Monate.“


(Begriffe aus der Studien-Statistik:
signifikant: statistisch: zu groß, um noch als zufällig gelten zu können
median: statistischer Mittelwert)
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Der Hirntumor hat einen geänderten und deswegen nicht weniger wertvollen Menschen aus uns gemacht!

Offline KaSy

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Antw:Krebs-Informationstag am 24.10.2020
« Antwort #5 am: 16. November 2020, 18:07:22 »
Krebs-Informationstag am 24.10.2020

Expertengespräch: Hirntumor - Aktuelle Möglichkeiten der Behandlung

Zytostatika - Molekulares Tumorboard -Supportive Therapien

PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf
Oberärztin der Neurologischen Klinik, Klinikum rechts der Isar München, TU München

PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf ist auch neuroonkologisch tätig und spricht über die Chemotherapie als eine systemische Therapie, (die den gesamten Organismus betrifft  KaSy).

Chemotherapeutische Substanzen ( Zytostatika)
Die meisten Zytostatika sind heutzutage so gut verträglich, dass sie nicht mehr in isolierten Klinkzimmern, sondern ambulant zu Hause angewendet werden können.
Die folgenden Substanzen, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden, werden zur Zeit standardmäßig in der Hirntumortherapie eingesetzt:
- Temozolomid wird am häufigsten genutzt.
- Temozolomid mit CCNU wirkt eventuell bei Glioblastomen mit methyliertem MGMT-Promotor besser. (NOA-09-Studie)
- PC(V) (Procarbazin, CCNU, Vincristin)
- CCNU
- Bevacizumab ist in der BRD nicht zugelassen. Wenn es jedoch in der Rezidivtherapie erforderlich ist, dann „setzen wir es gerne ein“. Nach einem Antrag bei der Krankenkasse wird es meist genehmigt.

Es gibt experimentelle Therapien, die nicht in jedem Neuroonkologischen Zentrum und nicht jedem Patienten zur Verfügung stehen. Die Kliniken haben jeweils ihre eigenen Standards, die für die zu erforschenden Therapien gelten. Dadurch wird an mehreren Therapien gleichzeitig gearbeitet.
„Es wird sich in Zukunft viel tun.“


(KaSy: Erklärungen zu den Substanzen:
- Temozolomid (Handelsname: Temodal®); alkylierendes Zytostatikum; kann oral und intravenös verabreicht werden
- CCNU (Handelsnamen: Lomustin, Cecenu (D), Ceenu (CH) ); Chlorethyl-Cyclohexyl-Nitroso-Urea aus der Gruppe der Alkylantien = Nitrosoharnstoffe
- Procarbazin (Handelsname: Natulan®); aus der Gruppe der Alkylantien = Nitrosoharnstoffe
- Vincristin (Handelsnamen: Cellcristin (D), Oncovin (A, CH) ); Alkaloid aus der Rosafarbenen Catharanthe (Catharanthus roseus, frühere Bezeichnung Vinca rosea); Mitosehemmer; wird nur gemeinsam oder abwechselnd mit anderen Zytostatika angewendet
- Bevacizumab (Handelsname: Avastin®); humanisierter monoklonaler Antikörper; Angiogenesehemmer; verlängert bei Patienten mit Glioblastom das progressionsfreie Überleben, hat aber keinen Einfluss auf das Gesamtüberleben; lebensbedrohliche Nebenwirkungen können auftreten
KaSy)


Molekulares Tumorboard
Das „Molekulare Tumorboard“ ist nicht nur Zukunftsmusik, sondern auch Gegenwartsmusik. Hier erfolgt die gemeinsame Suche nach der passenden Therapie.

(KaSy: Damit ist nicht das bekannte Tumorboard gemeint, in dem in allen Kliniken, in denen Hirntumorpatienten behandelt werden, Experten unterschiedlicher Fachrichtungen unter Betrachtung auch des genetischen Tumorprofils gemeinsam für einen Patienten über seine weiteren Therapien entscheiden. Im Molekularen Tumorboard geht es um „Ausnahmen“.)

Im Molekularen Tumorboard werden Patienten vorgestellt,
- bei denen die Standardtherapie erfolgt ist
- für die es keine „bekannten“ Therapieoptionen mehr gibt
- deren Hirntumorerkrankung einen ungewöhnlichen Verlauf nimmt
       z.B. einen sehr frühen Progress, eine ungewöhnliche Lokalisation, o.ä.
- bei denen eine seltene Tumorentität (Tumorart) vorliegt
- deren Tumor ein seltenes molekulares Profil aufweist.

In Neuroonkologischen Zentren gibt es dieses Molekulare Tumorboard (in denen bisher nur die „eigenen“ Patienten vorgestellt wurden  KaSy), jetzt kommen auch Patienten von außerhalb.
Zunehmend werden Patienten jetzt frühzeitig in das Molekulare Tumorboard eingebracht, denn je besser wir eine passende Chemotherapie finden, umso besser sind die Chancen für die Patienten.

Supportive Therapien
(Supportive Therapien sind unterstützende Verfahren, die nicht primär der Heilung einer Erkrankung dienen, sondern den Heilungsprozess durch zusätzliche Behandlung beschleunigen oder die Symptomatik abschwächen sollen.  KaSy)

Wenn während der Hirntumortherapie Nebenwirkungen auftreten, sind die supportiven Therapien durch den behandelnden Arzt selbst einzuleiten oder dem Patienten sind Empfehlungen zu geben.

1) Symptom: Epileptische Anfälle
    Therapie: Antikonvulsiva (erhöhen die Anfallsschwelle  KaSy), Tumorspezifische Therapie
    Bemerkungen: Es sollen möglichst wenige (oder keine  KaSy) Anfälle entstehen.

2) Symptom: Ödem
    Therapie: Kortiko-Steroide, z.B. Dexamethason, Osmodiuretika, Bevacizumab
    Bemerkungen: Eine Operation ist möglich.

3) Symptom: Thrombose
    Therapie: Antikoagulation („Blutverdünner“  KaSy) / engl.: LMWH (Low Molecular Weight Heparine  KaSy), Stützstrümpfe
    Bemerkungen: (Während der OP unbedingt!  KaSy), symptomatisch (z.B. geschwollene Füße, Beine  KaSy)

4) Symptom: Kopfschmerzen
    Therapie: Analgetika (Schmerzmittel  KaSy)
    Bemerkungen: Es sollen möglichst wenige (oder keine  KaSy) Schmerzen entstehen.

5) Symptom: Übelkeit (Chemotherapie  KaSy)
    Therapie: Serotonin-Antagonisten, MCP (Antiemetikum „Metoclopramid“  KaSy), Kortiko-Steroide
    Bemerkungen: Gegen Übelkeit soll prophylaktisch (vorbeugend  KaSy) gehandelt werden!

6) Symptom: Depression, Angst
    Therapie: Psycho-Onkologie, Antidepressiva, Anxiolyse (mit Beruhigungsmitteln  KaSy)
    Bemerkungen: Die Patienten und ihre Angehörigen sollten begleitet werden.

7) Symptom: Fokale neurologische Ausfälle (Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen, ...  KaSy)
    Therapie: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Rehabilitationsmaßnahmen
    Bemerkungen: Eine Verbesserung ist möglich.

8 )Symptom: Kognitive Defizite (Denken, Gedächtnis, Wahrnehmung, Lernen, Konzentration, Motivation, Reaktionszeit, ...  KaSy)
    Therapie: Ergotherapie, kognitives Training, spezielle Rehabilitationsmaßnahmen
    Bemerkungen: Sie sind nicht ganz einfach zu trainieren.


Patientenfrage / Melanie Staege:
Wie kann man während der Chemotherapie sein Immunsystem schützen?

Antwort von PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf:
Es ist wichtig, sich während der Chemotherapie wohlzufühlen.
Eine Ernährungsdiät muss nicht sein, wenn man nicht will. Man sollte sich möglichst gesund ernähren. Von seiner Umgebung soll man sich nicht reinreden lassen, z.B. wenn einem eine fleischlose Ernährung eingeredet wird, man aber gern Fleisch isst.


Patientenfrage / Melanie Staege:
Wie kann man eine spezielle Rehabilitationsmaßnahme finden, von der Sie sprachen?

Antwort von PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf:
Viel wird über den Sozialdienst des Krankenhauses organisiert.
Für Hirntumorpatienten empfiehlt sie eher keine onkologische, sondern eine neurologische Rehabilitation, da neurologische Ausfälle Begleiterscheinungen von Hirntumortherapien sein können.
Diese kann ambulant oder stationär erfolgen.
Sinnvoll sei es, mehr zu Hause, in der Familie, in der vertrauten Umgebung zu sein, als den ganzen Tag in einer Rehabilitationsklinik aktiv zu sein.
Der Patient sollte mit dem ärztlichen Ansprechpartner beraten, was das Sinnvollste ist, also ob Rehabilitation, wo, wie ...

Antwort von Prof. Dr. Niklas Thon:
Vor therapeutischen Schritten muss nicht frühzeitig über eine Rehabilitation geredet werden, weil die Operationen heute recht sicher sind. Die Patienten müssen mitnichten regelhaft vom Krankenhaus in eine stationäre Rehabilitationsklinik gebracht werden. Es würde nur um diejenigen Patienten gehen, bei denen der Tumor in eloquenten, also in funktionsträchtigen, Arealen entstanden ist. Dann halte ich es aber auch für sehr viel wichtiger, dass die Patienten ein supportives (unterstützendes  KaSy) Netzwerk heimatnah auch als langfristige Betreuung sehen. Dass wir die Patienten nach der frühen Behandlung sofort in die stationäre Rehabilitation überleiten müssen, ist äußerst selten der Fall.

Das ist auch zu vermeiden, weil wir eben auch die schnelle Bestrahlung und die schnelle Weiterbehandlung anstreben. Wenn wir zu radikal operieren und die Patienten in einen schlechten Zustand versetzen, dann haben wir alles falsch gemacht. Wir müssen so behandeln, dass die Patienten diesen ganzen Lauf der Therapie möglichst zügig und auch mit guter Lebensqualität durchlaufen.

Aber es gibt noch einen Punkt. Die Veränderung der Persönlichkeit, die Veränderung der Kognition, die Veränderung der dann vielleicht auch sichtbaren Körperfunktionen ist ja häufig etwas, was erst im Krankheitsverlauf entsteht. Und deswegen ist es wichtig, dass Netzwerke geschaffen werden, dass frühzeitig auch Kommunikationspartner, Anlaufstellen, Hilfestellungen zur Verfügung gestellt werden und auch in der Familie gemeinsam die Situation vorbereitet wird. Und deswegen ist es in jeder Sprechstunde so, dass wir uns immer freuen, wenn die Patienten mit Begleitung auftreten, denn je länger die Krankheit fortschreitet, desto wichtiger wird auch die Begleitung sein, damit wir die Patienten richtig begreifen, aber auch richtig versorgen können.
Deswegen denke ich, dass jegliche Rehabilitation und auch die Lebensqualität sehr stark eigentlich im häuslichen Umfeld stattfinden soll.


Frage von Prof. Dr. Niklas Thon:
Sie haben die Familie angesprochen. Gilt die psycho-onkologische Begleitung für die Patienten auch für deren Angehörige?

Antwort von PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf:
Natürlich gilt das auch für Angehörige. Oft kommen beide Ehepartner. Oft kommen eher die Angehörigen als die Patienten selbst.

Antwort von Prof. Dr. Niklas Thon:
Das gilt auch für die Kinder und auch für die erwachsenen Kinder der Hirntumorpatienten.
Es gibt eine Studie dazu, ab wann (Kinder ?) Kompetenzen entwickeln und wann die Patienten profitieren. Sie ergab, dass die palliative Versorgung frühzeitig beginnen soll, weil die Familie und die Kinder dann mitgenommen werden, weil Netzwerke geschaffen werden. 60 % (der Patienten / Ehepartner / Familien ?) wollen es frühzeitig.
« Letzte Änderung: 16. November 2020, 18:16:03 von KaSy »
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Offline KaSy

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Antw:Krebs-Informationstag am 24.10.2020
« Antwort #6 am: 16. November 2020, 18:12:09 »
Krebs-Informationstag am 24.10.2020

Expertengespräch: Hirntumor - Aktuelle Möglichkeiten der Behandlung

Prof. Dr. Niklas Thon
Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik, LMU Klinikum München

Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi
Oberarzt der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, LMU Klinikum München

PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf
Oberärztin der Neurologischen Klinik, Klinikum rechts der Isar München, TU München

Melanie Staege (Moderatorin)
Vertreterin der Deutschen Hirntumorhilfe e. V.

Expertendiskussion über Patientenfragen

Patientenfrage / Melanie Staege:
Der medizinische Fortschritt braucht Studien. Der Patient hat die Therapien hinter sich und nun hat er ein Rezidiv. Er hat Interesse an einer Studie, in „seiner“ Klinik gibt es aber keine passenden Studien. Was raten Sie dem Patienten, um für sich eine geeignete Studie zu finden?

Antwort von Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi:

Das Tumorboard bietet verschiedene Optionen an.
Wenn genügend zeitlicher Abstand seit der ersten Therapie vergangen ist,
- ist eine Re-Bestrahlung möglich
- kann der Patient an der Glia-Studie teilnehmen, die die Wertigkeit der PET-Untersuchung darstellt
- ist eine neurochirurgische Re-Resektion möglich
- dabei kann das Tumorbett nachbehandelt werden (Glio-Cave-Studie für Glioblastome)
- kann das Molekulare Tumorboard (in den Neuro-Onkologischen Zentren) einbezogen werden, um außerhalb von Studien entsprechend dem molekulargenetischen Tumorprofil nach zielgerichteten Optionen zu suchen
- ist eine klassische Chemotherapie erneut durchführbar

Wenn es darum geht, nach experimentellen Verfahren zu suchen, dann sind wir in einer Situation, die ja teilweise für den Patienten sehr unübersichtlich ist. Jedes Zentrum bietet andere Studien an. Das heißt, Sie können im Prinzip, wenn Sie bei uns (CCC München  KaSy) eine Zweitmeinung einholen, Studien finden, die Sie umgekehrt am DKFZ (Deutsches Krebsforschungszentrum  KaSy) nicht haben und genauso umgekehrt.

Und deswegen ist es wichtig, auch zentrale Register zu konsultieren:
- Eines dieser, sagen wir mal, internationalen Register, wo sich auch jeder informieren kann, unabhängig, ob Arzt oder nicht, ist „ClinicalTrials.gov“, das ist in dem Fall eine US-amerikanische Variante.
- Dann gibt es die RKS (Regional Klinik Service GmbH, Freiburg i. Breisgau  KaSy), die sozusagen auch den deutschen Studienmarkt abbildet. Dort sind relativ viele Studien gemeldet, sodass man auch schauen kann, bei welcher Entität (Das ist ein Betrachtungsgegenstand, der für sich genommen eine eigene Einheit bzw. Ganzheit darstellt. Z.B. ist eine Krankheit eine gut definierbare pathologische Entität.  KaSy), in welcher Situation ein Einschluss (in die Studie  KaSy) möglich ist.
- Und natürlich gibt es auch die NOA-Netzwerk-Tagung (NOA = Neuroonkologische Arbeitsgruppe  KaSy) letzte Woche (also Mitte Oktober 2020  KaSy) und dabei werden auch die neuroonkologischen Studien im Rahmen der NOA diskutiert.
- Was ich auch kenne, was ich tatsächlich gar nicht so uninteressant finde, wenn man das eingibt, so z.B. „Glioblastom und Hirntumorhilfe“, dann gibt es auch jemanden, der in der Hirntumorhilfe sitzt und da auch immer versucht, die (Informationen ?) zusammenzufassen. Das ist, sagt er selber, subjektiv geprägt durch seine eigenen Erfahrungen. Aber ich finde, auch für Patienten ist das wertvoll, wenn jemand als Angehöriger von einem erkrankten Patienten dann auch tatsächlich seine Erfahrungen darstellt.

Und so hat man ein breites Forum, damit auch jeder weiß, wer wo sein Spezialgebiet in Deutschland hat. Ich denke, so haben wir eine recht guten Out-vide (? einen Überblick ?  KaSy), damit wir auch wirklich dem Patienten die optimale Therapie anbieten können. Es gibt also mannigfaltige Möglichkeiten, wenn man sich informieren will.

Das Wichtigste
Das Beste ist aber immer, bleiben Sie nicht allein mit dem Wissen. Gehen Sie damit zu jemandem, zu dem Sie Vertrauen haben, in ein Zentrum. Lassen Sie sich da beraten, denn im Prinzip ist es nicht nur die Studie, die nachher das Ganze ausmacht, sondern auch, dass da jemand sitzt, der Ihnen das alles anbieten kann und der es auch wirklich in großer Menge und Zahl auch macht. Und das sind wichtige Faktoren, um auch mit einem Rezidiv eine erfolgreiche Therapie beginnen zu können.


Patientenfrage / Melanie Staege:
Wenn man eine Zweitmeinung benötigt, was muss man beachten und welches wäre die geeignete Klinik?

Antwort von PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf:
- Man sollte den eigenen Arzt fragen, wohin man sich wegen einer Zweitmeinung wenden kann. (Die Ärzte kennen sich untereinander und können sinnvolle Empfehlungen geben.  KaSy)
- Geeignete Kliniken für Zweitmeinungen sind zertifizierte Neuro-Onkologische Zentren. Dort sind interdisziplinäre Therapien möglich! Man kann diese Zentren im Internet finden.
- Die Ärzte, die man dann aufsucht, sollten die Patienten beraten. (Sie sollen sie nicht von ihrer eigenen Methode überzeugen, sondern die Möglichkeiten für verschiedene Therapien abwägen.  KaSy)

Antwort von Prof. Dr. Niklas Thon:
- Er begrüßt es sehr, Meinungen aus anderen Zentren zu erhalten.
- Er befürwortet Zweitmeinungen und eventuell auch Drittmeinungen, aber nicht vierte oder fünfte Meinungen, da man sich dann „verzettelt“!


Abschlussfrage / Melanie Staege:
Was möchten Sie uns zum Abschluss des Expertengesprächs noch sagen?

Antwort von Prof. Dr. Niklas Thon:
- Wir brauchen die gemeinsame Kommunikation zwischen Ärzten, Patienten und Angehörigen.
- Die Patienten sollen ihre eigenen Beschwerden erkennen und sie auch den Ärzten mitteilen.
- Wichtig ist, dass sie sich über einzelne Schritte freuen und stolz darauf sind.

Antwort von PD Dr. med. Friederike Schmidt-Graf:
- Sie betont die Wichtigkeit des offenen Austauschs der Patienten und ihrer Familien mit den Ärzten sowie mit ihrer Umgebung.
- Es muss nicht jede mögliche Therapie auch durchgeführt werden, denn:
- Es geht um die Lebensqualität!

Antwort von Prof. Dr. Karim-Maximilian Niyazi:
In der Strahlentherapie sieht er eine große Bandbreite von Patienten mit den unterschiedlichsten Krankheiten.
Er ist immer wieder von den Hirntumorpatienten beeindruckt, wie sie mit ihrer Krankheit umgehen. Sie sind tapfer, sie bringen sich aktiv ein, sie setzen sich mit dem Problem auseinander, sie genießen die Zeit, die sie noch haben.
Das findet er im Unterschied zu den anderen Patienten sehr gut und freut sich immer darüber.
Wenn man schon im Müllkasten landet, sollte man schauen, ob er bunt angemalt ist.

Der Hirntumor hat einen geänderten und deswegen nicht weniger wertvollen Menschen aus uns gemacht!

 



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