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Autor Thema: Glioblastom ohne Happy End...  (Gelesen 244 mal)

Offline Topper1989

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Glioblastom ohne Happy End...
« am: 29. März 2019, 08:20:15 »
Hallo allerseits,

ich als Angehöriger möchte den Fall meines Vaters (61 Jahre) schildern.

Vor genau 5 Monaten arbeitete ich (29) im Garten und hörte, dass jemand an meiner Haustür ist. Ich ging in meinen Hof und sah meinen Papa an der Tür. Ich freute mich und dachte er wolle mir im Garten helfen. Immerhin ist er erst seit ein paar Wochen im wohlverdienten Ruhestand (Gestandener Polizeibeamter). Doch plötzlich redete er französisch mit mir... in einem zusammenhanglosen Kauderwelsch. Ich hatte direkt einen Verdacht und fragte "Papa, hast du einen Schlaganfall?". Er nickte und ich rief sofort den Rettungsdienst an. Noch während des Telefonats schrie er plötzlich wie ein Behinderter und windete sich. Ich konnte ihn noch auffangen und legte ihn auf den Boden. Ich nahm ihn in den Arm und er krampfte.

Schließlich wurde er ins örtliche Krankenhaus verbracht. Er kam ins MRT... Ich sagte zu meiner Mutter "Entweder Schlaganfall oder Hirntumor". Dann überbrachte der Arzt die schlimme Nachricht. Er setzte sich neben meinen Vater, der mittlerweile zwar wach, jedoch benebelt von den Medikamenten war. Er nahm die Hand meines Vaters und überbrachte die niederschmetternde Nachricht eines Hirntumors von ca 1x3cm. Ich (ebenfalls ein gestandener Polizeibeamter, der schon viel Leid mitbekommen hat) brach weinend zusammen. Der Arzt sagte, man solle die Flinte nicht ins Korn werfen. Man werde einen Termin in der Neurochirurgie Mainz vereinbaren.

Mein Vater verblieb 3 Tage auf der Intensiv zur Beobachtung. Er bekam Cortison, Antikrampfmittel und Tavor. Am nächsten Tag konnte er wieder normal sprechen und es ging ihm körperlich gut. Psychisch erstmal nicht... Diese Sprachstörung (franz. Kauderwelsch) war eine Form des epilleptischen Anfalls. Solche Anfälle äußern sich nicht nur durch Krampanfälle, sondern auch anderweitig.

Zwischendurch wurde er zur Besprechung in die Uni Mainz gefahren. Der Arzt sagte, dass das eine gut zu erreichende Stelle zum operieren ist. Von der Bildgebung könnte es ein Grad 2-3 Tumor sein, aber das müsse letztendlich die Untersuchung des entfernten Gewebes zeigen.

Der Kämpfer wurde einer Wach-OP unterzogen. Er wurde unter wachem Zustand am Hirn operiert. Damit wird verhindert, dass Gesunde und wichtige Bereiche geschädigt werden. Die OP hat er super überstanden. Ich besuchte ihn auf der Intensivstation und konnte normal mit ihm reden. Ich war so glücklich! Ein MRT hat gezeigt, dass der Tumor vollständig entfernt wurde!!.

Nach 5 Tagen kam er Heim. Er machte Kreuzworträtsel und übte. Rechnen konnte er leider icht mehr. Manchmal hatte er auch Aussetzer im logischen Denken, er versuchte mit dem Messer eine Suppe zu löffeln... oder kippte Milch in den Wassertank der Kaffeemaschine. Aber damit konnte man leben!

Wenige Tage später hatten wir einen Termin in der Uni. Das operierte Gewebe wurde untersucht. Die Schockdiagnose: Grad 4 Tumor. Die Marker haben ergeben, dass keine Therapie wirklich erfolgsversprechend ist. Ein Schock, ich brach zusammen, mein Vater nahm es tapfer und sagte "Ich trete dem Krabs nochmal in den Arsch".

Nach ein paar Tagen, also 14 Tage nach der OP, hatte er Worfindungsstörungen. Ich fuhr ihn in die Uni. Ein MRT zeigte, dass der Tumor nachgewachsen ist...Und zwar war er bereits größer als der Tumor 14 Tage zuvor. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr verstehen... Die rechte Körperseite fiel aus. Er wurde nochmals operiert und es wurden Proben entnommen. Ergebnis: Tumor nachgewachsen + großes Ödem. Die Ärzte kämpfen und kämpften. Letztendlich konnte er sich wieder humpelnd fortbewegen, jedoch nicht mehr richtig sprechen. Er kam wieder nach Hause.

Nach einer Woche war der Zustand so schlecht, dass ich wieder in die Uni fahren musste. Ergebnis MRT: Riesen Ödem. Er bekam eine dritte OP und es wurde ein Schlauch in den Kopf gelegt. Der Druck wurde verringert, der Zustand hatte sich leicht gebessert. Die Ärzte waren ehrlich und sagten, dass man operativ nichts mehr machen könne. Mein Papa kam als Pflegefall nach Hause.

Wir hatten mittleirweile zu Hause Rollstuhl, Krankenbett usw. Er wollte zu Hause sterben. Wir hatten trotz allem noch sehr viel Spaß mit ihm. Haben gelacht und abends ein Glas Bier zusammen getrunken. Er war insgesamt 2 Monate zu Hause.

Vor einer Woche wurde der ZUstand sehr schlecht. Keinerlei Kommunikation möglich. Bewegungsmöglichkeit gleich null. Er wollte nicht mehr leben.

Samstag gaben wir im Morphium und Fenthanyl. Er dämmerte schmerzlos vor sich hin.
Montag hatte er einen wachen Moment. Er sah mich an, zog mich zu sich und gab mir einen Kuss. Er streckte den linken Daumen nach oben. Er hatte Abschied genommen.
Ich schlief die folgenden 2 Nächte an seinem Bett. Als ich Mittwochs aufwachte, war er tot. Mit einem Lächeln eingeschlafen. Ich werde ihn vermissen und mir kommen gerade beim Tippen des Textes die Tränen.

Ich wünsche das keinem...Umso mehr freue ich mich, hier auch von Fällen zu lesen, die doch positiver ausgehen, als sie sollten.
Ich bin meinem Papa bis zum Schluss nicht von der Seite gewichen und bin froh, dadurch noch viel Zeit mit ihm verbracht zu haben.

Das war unsere Geschichte. Zwischen Diagnose und Tot lagen 5 Monate. Ich drücke den anderen Mitleidenden hier im Forum die Daumen, dass das Beste aus der Diagnose rausgeholt wird.

Viele Grüße
Stefan



« Letzte Änderung: 29. März 2019, 08:23:44 von Topper1989 »

Offline Eva

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Antw:Glioblastom ohne Happy End...
« Antwort #1 am: 29. März 2019, 23:33:41 »
Lieber Stefan,

mein tiefstes Mitgefühl zum Tod deines Vaters. Du hast ihm bis zum Schluß beigestanden und er konnte in Frieden gehen. Jetzt bleiben die Erinnerungen, die dir helfen werden.

Ich wünsche dir viel Kraft und alles Gute.

Stille Grüße

Eva (Diagnose 06/2004)
Der Gesunde weiß nicht, wie reich er ist.

Vergiss die Frage, was das Morgen bringen wird, und zähle jeden Tag, den das Schicksal dir gönnt, zu deinem Gewinn dazu.                                                                Horaz

Mein Erfahrungsbericht: http://www.langzeitueberlebende-glioblastom.de

 



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